Wir brauchen faire Arbeitsbedingungen – und keine „Benefits“

Das „Corporate Benefit Programm“ des Landes Niedersachsen verfehlt sein Ziel

Presseerklärung des Schulleitungsverbandes e.V.

Während die Generation „Z“ die Benefit-Maßnahmen vieler Arbeitgeber längst als Obstkorb-Strategie verspottet, springt das Land Niedersachsen jetzt auf einen Zug auf, dessen Zielbahnhof nicht feststeht und nicht erreichbar ist: Beamtinnen und Beamten sowie Beschäftigten des Landes Niedersachsen werden Rabatte einzig deshalb geboten, weil das Land Niedersachsen ihr Arbeitgeber ist.

Mit Datum vom 27.02.2026 teilt das Innenministerium den obersten Landesbehörden die Freischaltung des entsprechenden Portals mit: „Mit dem Corporate Benefits Programm möchten wir einen weiteren Beitrag zur Attraktivität des Landes Niedersachsen als Arbeitgeber leisten und allen Beamtinnen, Beamten sowie Beschäftigten in der Niedersächsischen Landesverwaltung einen zusätzlichen Mehrwert bieten.“ Einen zusätzlichen Mehrwert? Gegenüber was? Gibt es auch einen Mehrwert, der nicht zusätzlich ist?

Selbstverständlich folgt der Hinweis, dass das Rabattportal nur außerhalb der Dienstzeit, nur auf privaten digitalen Endgeräten und über die Registrierung einer privaten Mailadresse zu nutzen ist. Dagegen vermissen wir Hinweise auf die Rechtslage zur Bekämpfung von Korruption in der Landesverwaltung, zur Annahme von Belohnungen und Geschenken und zur Nachversteuerung von Preisnachlässen, die einen geldwerten Vorteil darstellen.

Nach einer Stunde hartem Registrierungsstress öffnet sich uns eine Plattform mit Rabattangeboten der Kategorien Auto, Finanzen, Reisen, Freizeit, Mode, Sport, Tickets, Wohnen, Food, Technik, Mobilfunk, Beauty [sic!], Gesundheit und Regionales. Bereits auf der Startseite denken wir an einen Aprilscherz: Das Land lädt uns zum „Inselfieber 2026“ ein. Gemeint ist das größte Mallorca-Festival Europas. Natürlich nicht auf Mallorca. In Oberhausen.

Machen wir zwei Stichproben: Ein neuer VW Multivan California Ocean wäre schon länger dran und würde uns mit dem Niedersachsenrabatt 18,3% unter dem Listenpreis angeboten werden. Ein Anruf bei meinem VW-Händler auf dem Dorf bestätigt, was ich befürchte: Diesen Rabatt bekäme ich auch, wenn ich nicht beim Land Niedersachsen beschäftigt wäre, sondern einen Bratwurstgrill betreiben würde. Und noch ein paar Prozent mehr. Wir kennen uns schon lange.

Ein ordentlicher Kaffee-Vollautomat von De Longhi kommt zwar nicht an die italienischen Siebträgermaschinen heran, aber bei bis zu 55% Rabatt wollen wir nicht so genau hinsehen. Tatsächlich wird die „PrimaDonna Elite Experience“ für 999,00 € statt 2049,80 € angeboten. Loggen wir uns also aus und recherchieren wir wieder ohne Niedersachsenrabatt? Wir kommen bei idealo.de auf 1039,00 € (Recherche am 12.04.2026) und landen somit noch bei einem Rabatt von etwa 4% für das Auslaufmodell.

Viele Rabatte erinnern an diejenigen, die wir alle bei einem Onlinekauf bekommen: Ein Salat von Hello Fresh? Nimm doch noch ein Zeitschriftenabo dazu! Besonders ist der Hinweis auf die Geheimhaltung:

„Bitte beachten Sie, dass es sich bei diesem Angebot um vertrauliche Firmenkonditionen handelt. Sollten die Konditionen extern bekannt werden, wird der Anbieter das Angebot einstellen.“

Wir haben verstanden: Dieser Artikel ist zwar nicht direkt Landesverrat, gefährdet aber den zusätzlichen Mehrwert für Millionen Landesdiener.

Und jetzt einmal ganz im Ernst: Wer die Berufszufriedenheit von Mitarbeitenden stabilisieren oder steigern will, wird sich zuallererst mit den objektiven Arbeitsbedingungen befassen. Allerdings sind eine Sollstundenzahl oder ein Klassenteiler für Lehrkräfte nicht so preiswert wie ein Nachlass auf eine Hautcreme. Auch die Einrichtung von Stellen für Konrektorinnen und Konrektoren an Schulen mit weniger als 180 Schülerinnen und Schülern würde viel Geld kosten – die Zahl der Schulen ohne Leitung aber rasch und deutlich mindern.

Lehrkräfte und Schulleitungen erfahren Anerkennung und Wertschätzung eher in ihren Kollegien und Schulgemeinschaften als durch ihren Arbeitgeber. Das Land sollte ihnen gut zuhören und auf ebenso alberne wie oberflächliche Benefits entweder verzichten oder diese auf Bereiche konzentrieren, die tatsächlichen Bedarfen entsprechen und die Gesundheit von Mitarbeitenden positiv beeinflussen können.

Dazu gehören ein Wellpass, ein Jobticket oder ein Dienstfahrrad.

Für den SLVN e.V.

Matthias Aschern
Gregor Ceylan
Jan Pössel
Katja Tank

Kontakt: aschern@slvn.de

Quelle der Karikatur: ChatGpt, 04.04.2026