Die Bilder aus Frankreich lassen niemanden kalt, der Verantwortung für Schule trägt. Schülerinnen und Schüler protestieren gegen Personalmangel, Unterrichtsausfall, überfüllte Klassen und Schulgebäude, deren Zustand einem Bildungsauftrag nicht mehr gerecht wird. Aus zunächst lokalen Protesten ist eine landesweite Bewegung geworden. Zugleich sind Teile der Proteste in Gewalt, Brandstiftung und massive Auseinandersetzungen mit der Polizei umgeschlagen und werden von gewaltbereiten Gruppen verschiedener politischer Lager instrumentalisiert. Inzwischen sind die harten Reaktionen der Sicherheitskräfte selbst ein Thema.
Die Bundesschülerkonferenz hat dazu einen Satz formuliert, dem wir uns als Schulleitungsverband Niedersachsen ausdrücklich anschließen können: „Das sind auch unsere Themen“ (Generalsekretärin Amy Kirchhoff am 14.10.2026 gegenüber Correctiv). Denn Personalmangel und unzureichende Schulinfrastruktur enden nicht an der französischen Grenze.
Auch niedersächsische Schulleitungen erleben täglich, was es bedeutet, wenn Stellen nicht oder erst verspätet besetzt werden können, wenn Vertretungsreserven fehlen, multiprofessionelle Unterstützung nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung steht und Schulen immer mehr gesellschaftliche Aufgaben mit begrenzten personellen Ressourcen bewältigen sollen. Ebenso kennen wir Schulgebäude mit erheblichem Sanierungsbedarf, fehlende oder unzureichende Räume, eine nicht zeitgemäße technische Infrastruktur und Kommunen, die vor einem Investitionsbedarf stehen, den sie aus eigener Kraft nicht bewältigen können.
Wer deshalb die Forderungen der französischen Schülerinnen und Schüler lediglich als Problem unseres Nachbarlandes betrachtet, macht es sich zu einfach. Die Frage, welchen Stellenwert eine Gesellschaft ihren Schulen einräumt, stellt sich auch bei uns.
Berechtigte Forderungen legitimieren keine Gewalt
Ebenso eindeutig ist für uns allerdings eine zweite Feststellung: Gewalt gegen Menschen, Brandstiftung, die Zerstörung von Schulen und anderem öffentlichen oder privaten Eigentum können kein legitimes Mittel bildungspolitischer Auseinandersetzung sein.
Gerade Schule ist der Ort, an dem junge Menschen erfahren sollen, wie Demokratie funktioniert: Interessen vertreten, widersprechen, demonstrieren, Mehrheiten organisieren, Verantwortung übernehmen, Kompromisse aushandeln – und Konflikte ohne Gewalt austragen.
Deshalb unterstützen wir das Recht junger Menschen, ihren Forderungen öffentlich und nachdrücklich Gehör zu verschaffen. Wir unterstützen friedliche Demonstrationen und eine selbstbewusste Schülervertretung. Aber Solidarität mit den Anliegen darf nicht mit einer Rechtfertigung jeder Protestform verwechselt werden.
Zugleich wäre es zu einfach, aus den Ereignissen in Frankreich die Erwartung abzuleiten, eine vergleichbare Protestbewegung müsse nun auch in Deutschland entstehen. Die Probleme ähneln sich in Teilen. Die politischen und institutionellen Rahmenbedingungen unterscheiden sich jedoch erheblich.
Warum Frankreich nicht einfach auf Deutschland übertragbar ist
Der Blick ins Nachbarland lohnt immer: In mehreren Politikfeldern beobachten wir vergleichbare Krisenphänomene in einem fortgeschrittenen Stadium. Das betrifft die Erosion der politischen Mitte und eine schwierigere Mehrheitsbildung ebenso wie einen verbreiteten Vertrauensverlust und das Gefühl mangelnder Repräsentation, den Konflikt zwischen einem sehr leistungsfähigen Sozialstaat und seiner Finanzierbarkeit, eine schwache Wachstumsdynamik und einen ausgeprägten Reformstau, eine dramatische Staatsverschuldung und einen systemgefährdenden Rechtsextremismus – und eben auch den Generationenkonflikt um Bildung. Allerdings besitzt Deutschland mit seiner weniger ungünstigen fiskalischen Ausgangslage, dem Föderalismus und einer ganz anderen Koalitions- und Konsenskultur drei mächtige „Stoßdämpfer“, die Frankreich als „Frühwarnmatrix“ eher ungeeignet erscheinen lassen.
1. Zentralstaat versus Bildungsföderalismus
Frankreich verfügt über ein stark zentralisiertes Bildungssystem. Wesentliche Entscheidungen über Personal, Ressourcen und Bildungssteuerung werden auf nationaler Ebene getroffen. Damit existiert für Protest auch ein klar identifizierbares nationales Gegenüber.
Deutschland ist anders organisiert. Bildungspolitik ist im Wesentlichen Ländersache, während für Schulgebäude in der Regel die kommunalen Schulträger verantwortlich sind. Schon die beiden zentralen Themen – Personalausstattung und Gebäude – adressieren damit unterschiedliche politische Ebenen.
Das erschwert die Bündelung von Unzufriedenheit zu einer einzigen nationalen Protestbewegung. Ein Problem, das Schülerinnen und Schüler in Hannover, München und Kiel gleichermaßen erleben, hat politisch nicht zwingend denselben Adressaten. Nicht zufällig ist die Adressierung etwas leichter in Berlin oder Hamburg.
Der Föderalismus kann Verantwortung auch zerstreuen. Bund, Länder und Kommunen dürfen ihre unterschiedlichen Zuständigkeiten deshalb nicht dazu nutzen, Verantwortung jeweils an die nächste Ebene weiterzureichen.
2. Andere institutionalisierte Dialogmöglichkeiten
Deutschland verfügt auf Schul-, Landes- und Bundesebene über zahlreiche institutionalisierte Formen der Interessenvertretung. Schülervertretungen, Elternvertretungen, Personalräte, Gewerkschaften, Berufsverbände und Schulleitungsverbände stehen regelmäßig mit Politik und Verwaltung im Austausch.
Auch hier werden Forderungen keineswegs immer erfüllt. Zwischen „angehört werden“ und tatsächlicher politischer Veränderung liegt mitunter eine erhebliche Strecke.
Dennoch besteht ein Unterschied zwischen einem politischen System, in dem Konflikte frühzeitig über viele föderale und institutionelle Kanäle verteilt werden, und einem stark zentralisierten System, in dem sich Unzufriedenheit unmittelbar gegen die nationale Regierung richten kann.
Daraus folgt eine Verpflichtung für die Politik: Dialogmöglichkeiten wirken nur dann befriedend, wenn Dialog auch Folgen haben kann. Beteiligung darf nicht zum Ritual werden.
3. Die besondere Stellung der Lehrkräfte
Ein erheblicher Teil der Lehrkräfte in Deutschland ist verbeamtet. Für Beamtinnen und Beamte gilt ein Streikverbot. Das verändert die Dynamik möglicher Protestbewegungen erheblich.
In Frankreich gehören Streiks im öffentlichen Dienst traditionell zum politischen Konfliktrepertoire. Wenn Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Gewerkschaften ihre Forderungen miteinander verbinden, können daraus sehr schnell große gesellschaftliche Mobilisierungen entstehen.
Eine vergleichbare Dynamik ist im deutschen Schulwesen strukturell weniger wahrscheinlich. Die Verbeamtung wirkt insofern nicht nur arbeitsrechtlich, sondern mittelbar auch auf die Protest- und Streikkultur des Bildungswesens.
4. Unterschiedliche politische Protesttraditionen
Frankreich besitzt eine ausgeprägte Tradition zentraler gesellschaftlicher Mobilisierung. Generalstreiks, Blockaden und große Straßenproteste haben dort historisch eine andere politische Bedeutung als in Deutschland. Die Französische Revolution, die Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts und insbesondere der Mai 1968 gehören zum kollektiven politischen Gedächtnis.
Von einer fehlenden deutschen „Revolutionskultur“ zu sprechen, wäre allerdings zu pauschal. Auch Deutschland kennt starke Protestbewegungen – von der Studentenbewegung über die Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung bis zu den großen Klimaprotesten.
Der Unterschied liegt weniger darin, ob protestiert wird, sondern wie politische Konflikte typischerweise organisiert und ausgetragen werden. In Deutschland dominieren stärker institutionalisierte, verbandliche, föderal verteilte und rechtlich eingehegte Formen politischer Interessenvertretung. In Frankreich können sich gesellschaftliche Konflikte schneller zu einem unmittelbar gegen die Zentralregierung gerichteten nationalen Protest verdichten.
5. Unterschiedliche Eskalationsdynamiken
Protest und staatliche Reaktion beeinflussen sich gegenseitig. Wo Blockaden, massive Polizeipräsenz, Festnahmen und gewaltsame Auseinandersetzungen aufeinandertreffen, kann eine Eskalationsspirale entstehen, in der der ursprüngliche Anlass zunehmend von der Auseinandersetzung über den Protest selbst überlagert wird.
Genau davor sollte Deutschland sich hüten. Friedlicher Protest von Schülerinnen und Schülern darf nicht kriminalisiert werden. Umgekehrt darf Gewalt nicht dadurch relativiert werden, dass die zugrunde liegenden Forderungen berechtigt sind.
Ein demokratischer Staat muss beides können: Protest ermöglichen und Gewalt begrenzen.
6. Unterschiedliche soziale und räumliche Ausgangslagen
Hinzu kommt die besondere soziale Geografie Frankreichs. Ein Teil der aktuellen Protestbewegung ist in Regionen entstanden, in denen Bildungsbenachteiligung, soziale Segregation und das Gefühl staatlicher Vernachlässigung besonders stark zusammentreffen. Wenn schlechte Gebäude, fehlendes Personal und geringe Zukunftschancen als Ausdruck einer umfassenderen gesellschaftlichen Benachteiligung erlebt werden, besitzt der Protest eine andere soziale Sprengkraft als eine isolierte Auseinandersetzung über einzelne bildungspolitische Maßnahmen.
Auch Deutschland kennt Bildungsungleichheit und sozialräumliche Segregation. Gerade deshalb wäre es fahrlässig, diesen Unterschied als Entwarnung zu verstehen. Wo sich über Jahre der Eindruck verfestigt, dass Herkunft und Wohnort über Bildungschancen entscheiden, wächst auch hier das Potenzial für politische Entfremdung – allerdings eher schleichend als eruptiv.
7. Eskalationsdynamik versus Normalisierungs- und Ermüdungseffekt
Ein weiterer Unterschied liegt möglicherweise in der Art, wie anhaltende Missstände gesellschaftlich verarbeitet werden. In Frankreich können Protest, politische Reaktion, mediale Aufmerksamkeit und Gegenreaktion eine sich selbst verstärkende Dynamik entwickeln: Demonstrationen erzeugen öffentlichen Druck, staatliche Reaktionen mobilisieren weitere Gruppen, einzelne Eskalationen erhöhen wiederum die Aufmerksamkeit. Aus einem konkreten schulpolitischen Anlass kann so in kurzer Zeit ein grundsätzlicher Konflikt über staatliches Handeln und gesellschaftliche Gerechtigkeit werden.
In Deutschland lässt sich bei langanhaltenden Problemen im Bildungsbereich eher eine gegenteilige Gefahr beobachten: Normalisierung durch Gewöhnung. Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, überlastete Schulleitungen, fehlende Fachkräfte oder sanierungsbedürftige Gebäude werden seit Jahren beschrieben. Was dauerhaft als Krise bezeichnet wird, kann paradoxerweise seinen Krisencharakter verlieren. Aus dem Ausnahmezustand wird ein Zustand, mit dem Schulen, Eltern und Schülerinnen und Schüler irgendwie umzugehen lernen.
Daraus können Abstumpfungs- und Ermüdungseffekte entstehen. Schulen kompensieren Mängel, Beschäftigte improvisieren, Eltern arrangieren sich und Politik entwickelt Programme, ohne dass die strukturellen Ursachen hinreichend beseitigt werden. Die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit des Systems wird dann selbst zum Problem: Weil Schule trotz erheblicher Defizite weiter funktioniert, sinkt der politische Veränderungsdruck.
Die entscheidende Aufgabe deutscher Bildungspolitik besteht deshalb darin, die vergleichsweise geringe Eskalationsneigung nicht als Zustimmung misszuverstehen. Ruhe im System ist noch kein Beleg dafür, dass das System in Ordnung ist.
„So etwas passiert bei uns nicht“?
Die falsche Schlussfolgerung aus Frankreich wäre deshalb, sich aufgrund der institutionellen Unterschiede beruhigt zurückzulehnen. Die richtige Frage lautet: Warum müssen Missstände eigentlich erst eskalieren, bevor Bildung die politische Aufmerksamkeit erhält, die sie verdient?
Personalmangel entsteht nicht plötzlich. Sanierungsbedürftige Gebäude werden nicht über Nacht marode. Überlastete Schulleitungen, Unterrichtsausfall und fehlende Unterstützungssysteme sind seit Jahren bekannt. Wer diese Probleme dauerhaft verwaltet, riskiert nicht nur Qualitätsverluste im Bildungssystem. Er beschädigt auch das Vertrauen junger Menschen in die Handlungsfähigkeit demokratischer Institutionen.
Genau hier liegt für uns die wichtigste Verbindung zwischen Frankreich und Niedersachsen.
Wir brauchen keine französischen Verhältnisse auf deutschen Straßen. Wir brauchen aber sehr wohl die politische Dringlichkeit, die hinter den französischen Protesten sichtbar geworden ist.
Protest ernst nehmen, bevor aus Frustration Entfremdung wird
Als Schulleitungsverband Niedersachsen erwarten wir deshalb von der Bildungspolitik weiterhin einen verbindlichen und langfristigen Umgang mit den strukturellen Problemen unserer Schulen. Dazu gehören eine verlässliche Personalversorgung, attraktive Arbeitsbedingungen für alle schulischen Professionen, eine nachhaltige Entlastung von Schulleitungen und Kollegien, funktionierende multiprofessionelle Teams sowie eine Investitionsstrategie für zeitgemäße Schulgebäude.
Dabei müssen Schülerinnen und Schüler als Beteiligte ernst genommen werden. Wer täglich in unseren Schulen lernt, weiß sehr genau, wo deren Probleme liegen. Schülervertretungen sind deshalb keine Zuschauer der Bildungspolitik, sondern wichtige demokratische Akteure.
Die französischen Schülerinnen und Schüler erinnern uns an etwas, das im bildungspolitischen Alltag leicht verloren geht: Der Zustand unserer Schulen ist für junge Menschen kein abstraktes Politikfeld. Er ist ihre tägliche Lebenswirklichkeit. Ihre Themen sind deshalb auch unsere Themen. Ihre Forderung nach guten Schulen verdient Unterstützung. Gewalt verdient sie nicht. Und Politik sollte nicht darauf warten, dass berechtigte Ungeduld in Wut umschlägt, bevor sie handelt.
Schulleitungsverband Niedersachsen e.V.
Matthias Aschern (Vorsitzender)
Gregor Ceylan (2. Vorsitzender)
Jan Pössel (Geschäftsführer)
Dirk Brandes (Finanzvorstand)

'