Über den Wolken…

Der Ganztagserlass hat jede Bodenhaftung verloren

Gemeinsame Stellungnahme des SLVN e.V., der LNGS e.V., der GGG e.V. und der

GEW zum Erlass “Die Arbeit in der Ganztagsschule“

Eine Vorbemerkung: Die unterzeichnenden Verbände und die GEW arbeiten konstruk-

tiv, kollegial und lösungsorientiert auch und besonders mit dem Kultusministerium zu-

sammen – zum Beispiel im Rahmen von Anhörungsverfahren. Wenn jedoch wie hier

unsere sorgfältig erstellten Hinweise keinen Anruf, keine Mail und nicht einmal eine

Eingangsbestätigung wert sind, haben wir verstanden: Zumindest dieses Anhörungs-

verfahren war nur Partizipationstheater.

Ganztagsschule ist so eine gute Idee: Wer seine Ganztagsschulen aber so ausstattet

wie das Land Niedersachsen, entfernt sich von jedem Qualitätsanspruch. Das hindert

das Kultusministerium nicht daran, so zu tun, als meine man es ernst.

Bereits im Rahmen des Anhörungsverfahrens haben wir

deutlich gemacht: Der Erlassentwurf ist hinsichtlich der

Begriffe „(inklusive) Bildung“, „Erziehung“ und „Betreu-

ung“ wesentlich zielunklar: Hier wäre der Bildungs- und

Erziehungsauftrag gegenüber Betreuungsansprüchen

stärker hervorzuheben gewesen.

Dieser Einwand ist ebenso ungehört geblieben wie der

Hinweis auf die katastrophale Entwicklung aufgrund des

Ganztagsförderungsgesetzes zum 01.08.2026, die

SLVN und LNGS bereits in „Mandalas statt Mathe“ poin-

tiert angegriffen haben. Auch der Erlass versäumt es, die

Ganztagsgrundschulen vor Anforderungen zu schützen,

die tatsächlich an die Jugendhilfeträger zu richten sind.

Ohne jede Bodenhaftung fantasiert der Erlass von ganz-

heitlicher Bildung mit Sport und Bewegung, mathema-

tisch-naturwissenschaftlichen und sprachlich-geistes-

wissenschaftlichen Angeboten, kultureller, politischer und digitaler Bildung, Sprachför-

derung und Berufsorientierung, handwerklichen Angeboten und Medienkompetenz,

Ernährungs- und Verbraucherbildung und religiöser Bildung, globalen

Herausforderungen und sozialen Kompetenzen, Demokratiebildung und nachhaltiger

Entwicklung – eins wichtiger und ehrenhafter als das andere, additiv aufgelistet und in

krassem Gegensatz zu einer Schulrealität, die alles das nicht abbilden kann mit einer

anteiligen Faktorisierung (in der Verwaltungspraxis 0,75) und einer Ressourcenaus-

stattung nur für Angebote von mindestens zwei Unterrichtsstunden.

Während wir im Schulverwaltungsblatt blättern, erzwingen einige Schulträger Gremi-

enbeschlüsse und Ganztagskonzepte von ihren Schulen, die das Land nicht ausrei-

chend davor schützt, zu reinen Betreuungseinrichtungen anstelle der elternfinanzier-

ten Hortlösungen zu werden. Der Schulvorstandsbeschluss sollte nach unserer Auf-

fassung auch dann Antragsvoraussetzung sein, wenn der Schulträger Antragsteller ist.

Ganztagsschulen wider Willen können nicht im Interesse des Landes liegen.

Ebenso utopisch erscheinen die Vorstellungen von einem gesunden Mittagessen: Der

in 2.10. formulierte Anspruch steht in mehrfacher Hinsicht in Widerspruch zu aktuellen

Pasta-Realitäten. Das betrifft die Qualität der Schulverpflegung ebenso wie die gesell-

schaftliche Etablierung der DGE-Standards, die Teilhabe aller Schüler:innen und die

Tisch- und Esskultur (die z.B. mit dem Betreuungsschlüssel in der Mittagspause zu-

sammenhängt).

Nun ist ja nicht der Anspruch zu kritisieren, sondern die Umsetzung, die überwiegend

in der Verantwortung der Schulträger liegt. Da es wenig Sinn macht, dass das Land

Qualitätsstandards formuliert, die die Kommunen (nicht) umsetzen müssen, hätte ein

innovativer Ganztagserlass die Überprüfung der Umsetzung in den Blick zu nehmen,

statt bei einer Vision guter Schulverpflegung stehen zu bleiben.

Im Ergebnis folgt der Erlass Vorstellungen gelingender Bildungsprozesse und verliert

die Umsetzungsebene aus dem Blick. Die mangelnde Ausstattung der Schulen mit

Personalressourcen und die vernachlässigte Berücksichtigung des Ganztagsförde-

rungsgesetzes führen im Ergebnis dazu, dass dieser Erlass keine Wirksamkeit entfal-

ten kann, sondern vielmehr alle Akteurinnen und Akteure in Schule und insbesondere

die Schulleitungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit verzweifeln lässt.

Für den SLVN e.V,

Matthias Aschern

Gregor Ceylan

Jan Pössel

Katja Tank

Für den LNGS e.V,

Jörg Bratz

Marion Borderieux

Claudia Rudat

Petra Binder

Für die GGG e.V.

Ulla Pleye

Für die GEW

Stefan Störmer